Terror - Ihr Unheil

Wieso nicht jeder Büger ein Richter sein sollte

Am 17.10.2016 strahlten Das Erste, in Kooperation mit dem ORF und dem SRF, "Terror - Ihr Urteil", ein Film basierend auf dem gleichnamigen Theaterstück von Ferdinand von Schirach, aus.


Der Plot

Der Film dreht sich um die Gerichtsverhandlung von Lars Koch, seines Zeichens Major der Deutschen Luftwaffe, welcher ein entführtes Flugzeug mit 169 Personen an Bord und, wahrscheinlichen, Kurs auf die Allianz-Arena in München abgeschossen hat. Dadurch, dass Er das Flugzeug abgeschossen und damit 169 Menschen getötet hat, hat er unter Umständen 70.000 Menschen, welche sich in der Allianz-Arena befunden haben, gerettet.


Die Interaktion

Im Anschluss an den Film durften die Zuschauer abstimmen ob der Angeklagte wegen 169-fachen Mordes verurteilt wird oder nicht. Basierend auf dem Ergbenis wurde eine von zwei Urteilsverkündungen ausgestrahlt.


Das Ergebnis

Nach 85 Minuten durften die Zuschauer über das Schicksal von Lars Koch abstimmen.

Das Ergbenis war folgendes.

Deutschland:
  • 86,9% Freispruch
  • 13,1% Verurteilung
Östereich:
  • 86,9% Freispruch
  • 13,1% Verurteilung
Schweiz
  • 84% Freispruch
  • 16% Verurteilung

Man sieht, die Ergebnisse bewegen sich alle in ungefähr selben Bereich. In Deutschland stimmten, laut ARD, 609.000 Menschen ab. Es gab jedoch größere technische Probleme beim Abstimmten, so wurde von Überlastungen der Internetseite und Besetztzeichen bei den Telefonleitungen berichtet.


Meine Einschätzung

Hätte ich den Piloten verurteilt ?

Ja

Warum ?

Der Grund ist sehr einfach, Herr Koch hat das Gesetz gebrochen, er hat das Feuer auf eine Passagiermaschine eröffnet obwohl Er wusste, dass er damit 169 Passagiere zum Tode verurteilt. Die Situation in welcher sich die Passagiere befanden ist dafür total unerheblich.

Gibt es ein Aber ?

Ja

Welches ?

Die Situation, Terroristen entführen ein Passagierflugzeug und planen es in [Stadt] abstürzen zu lassen wurde durch den 11. September 2001 zu einer reellen Möglichkeit und damit auch zum Disskusionsstoff in Universitäten und im Bundestag. Es folgte am 11. Januar 2005 das Luftsicherheitsgesetz (LuftSiG), welches mit dem §14 Abs. 3 die Abschussermächtigung einführte, welcher am 15. Februar 2006 vom Bundesverfassungsgericht mit dem Urteil 1 BvR 357/05 für ungültig erklärt wurde. Damit steht fest, dass es für so eine Situation und Handlungsweise wie jene von Herr Koch keine Rechtsgrundlage gibt.

ABER im Film wird uns erklärt das Herr Koch damit rechnen musste, dass der Entführer plante die Maschine in die Allianz-Arena stürzen zu lassen. In dem Moment in welchem Herr Koch die Rakete, welche das Flugzeug abstürzen ließ, abfeuerte befand sich die Maschine schon im Anflug auf das Stadion. Er verhinderte somit also eine schlimmere Katastrophe in dem Er sich dazu entschied 169 Menschen zu töten.

Er hat also subjektiv das Richtige getan, auch wenn er damit das Gesetz gebrochen hat und zum Mörder geworden ist.

Eine kurze Zusammenfassung was ich damit meine:

  • Hätte Er schießen dürfen ? NEIN
  • Hat Er sich in dieser Situation richtig verhalten ? Leider Ja
  • Sollte Er verurteilt werden ? Ja

Das Unheil

Dieser Film veranschaulicht ein Gedankenexperiment welches es schon sehr lange, in unterschiedlichen Formen, gibt. Das bekannteste wäre hier vermutlich der Zug, welcher ausser Kontrolle, auf eine Menschenmasse zu rast. Man kann verhindern das 20 Menschen sterben in dem man den Zug auf ein anderes Gleis umleitet, dort würde er allerdings 5 Menschen töten.

Das ist ein Paradebeispiel für eine No-Win Situation, es gibt dabei keine perfekte Lösung, es werden immer Menschen sterben. Jedoch haben wir selber es in der Hand welche und wie viele Menschen wir sterben lassen.

Ich behaupte jetzt einfach mal, sprich ich kann das nicht belegen, dass die meisten den Zug auf das Gleis umlenken würden auf welchem 5 Personen sterben würden. Das kann auf zwei Gedankengängen basieren.

  1. Wenn ich das mache sterben dort nur 5 Menschen
  2. Wenn ich das mache rette ich 20 Menschen

Diese Gedankengänge kommen vom Anschein her auf das gleiche Ergebnis: Ich muss den Zug umlenken Doch gibt es einen entscheidenen Unterschied zwischen den beiden. Beim Ersten gesteht man sich ein, dass durch die eigene Handlung Menschen sterben werden und man selber den Abzug drückt. Beim Zweiten redet/denkt man es sich selber schön, man blendet das Unglück welchen unausweichlich ist aus und sieht nur das positive was man erreicht hat.

Ich denke das ist auch der Grund warum das Ergebnis so überwältigend stark für Freispruch ausgefallen ist. Die Zuschauer sehen nicht, dass Herr Koch grade 169 Menschen getötet hat. Stattdessen sehen sie nur, dass Er 70.000 Menschen davor bewahrt hat Opfer eines Terroranschlags zu sein.

Dort liegt aber auch das Problem. Kein deutsches Gesetz erkennt die Abwägung von menschlichen Lebens als legalen Weg zur Entscheidungsfindung an und das aus gutem Grund. Denn solche Abwägungen sind immer subjektiv, solange nicht alle Menschen in dieser Abwägung anonym sind. Ein Beispiel: Wir greifen mal das Experiment von oben wieder auf. Es bleibt alles wie gehabt, 20 Menschen auf dem einen Gleis, 5 auf dem Anderen. Aber diesmal gehört ihr Kind und ihr Lebensgefährte / ihre Lebensgefährtin zu den 5 Personen.

Wie entscheiden sie sich jetzt ? Sie sehen, diesmal ist es schwieriger sich zu entscheiden was sie tun würden.

Um wieder auf den Punkt zu kommen.

Mehr als 85% der Abstimmenden lassen mit ihrer Entscheidung, bewusst oder unbewusst, dass macht hier aber keinen Unterschied, einen Täter laufen. Für einen Freispruch gibt es keine Grundlage, der Überrecthliche Notstand, auf welchen sich die Verteidigung bezieht, ist nirgendwo in den Gesetzen zu finden.

Mit diesem Ergebnis wird das Grundrecht der Opfer gradezu mit Füßen getreten. Die Abstimmenden lassen sich hier gekonnt an der Nase rumführen und mit den Worten "Er ist ein Held" davon überzeugen, dass hier nichts Unrechtes geschehen ist.

Das Unheil ist jenes, dass sich die normalen Bürgen hier von ihren Empfindungen blenden lassen und